Im Alpenvereinsheft Panorama haben wir das Angebot für eine 1-wöchige Türkeireise vom Reiseveranstalter RSD Reise Service Deutschland zum Preis von 149,00 EUR entdeckt. Darin enthalten ist der Hin- und Rückflug München – Izmir, 7 Hotelübernachtungen mit Frühstück und eine Rundreise im Bus mit einem deutschsprachigen Reiseführer. Da konnten wir nicht widerstehen.
Montag, 08.11.2010
Wir starten um 17.45 Uhr in München und erreichen Izmir gegen 21.25 Uhr. Der Flieger ist bis auf den letzten Platz voll mit Menschen, die die gleiche Reise gebucht haben. Meist handelt es sich um die Altersklasse 60-75 Jahre.
In Izmir werden wir bereits von der dortigen Reisegesellschaft ITM erwartet und auf 4 große Mercedes-Busse aufgeteilt. Diese bringen uns in einer guten Stunde zum Palmin Hotel in Kusadasi. Im Bus hat unser Reiseleiter Hüseyin bereits erste Informationen gegeben, u.a. hinsichtlich der optionalen Reisepakete. Ausser uns entscheidet sich der gesamte Bus für das “All-Inklusiv-Paket” mit Führungen, Eintritten, Busfahrt nach Didyma-Milet-Priene, Troja und Sirince, Mittag- und Abendessen für zusätzlich 199,00 EUR. Wir wollen stattdessen wenigstens teilweise auf eigene Faust losziehen.
Die Hotelzimmer sind schnell verteilt. Ein schönes, großzügiges Zimmer mit Ausblick auf den Pool wartet auf uns.
Dienstag, 09.11.2010
Die Gruppe fährt mit dem Bus nach Didyma, Milet und Priene. Wir heben uns das “Steine anschauen” für später auf und marschieren stattdessen nach Kusadasi. Auf dem langen Weg entlang des Wassers stoßen wir immer wieder auf abgetrennte Siedlungen, die in sich geschlossen sind und meistens nur einen Zugang haben. Auf der Suche nach dem Weg verirren wir uns immer wieder darin. Bevor wir die Innenstadt erreichen, besuchen wir noch das Castell auf einer vorgelagerten Halbinsel.
















Dank der “Off-Season” sind nur wenige Touristen unterwegs. Die türkischen Händler sind wenig aufdringlich. Zu Mittag essen wir Fisch im Ali Baba am Hafen. Wir vereinbaren einen Preis von 60 TL. Anfangs befürchten wir, mit einer Vorspeise abgefertigt zu werden, aber dann kommt als Hauptgericht doch noch der eigentlich bestellte Fisch.








Auf dem Rückweg zum Hotel schlendern wir die Gassen bergauf zur Statue von Atatürk. Irgendwann wird es uns aber unheimlich – hier wohnen eindeutig ärmere Familien in heruntergekommenen Häusern. Außerdem führt der Weg nicht weiter – und so steigen wir wieder hinunter und treffen erneut auf ein abgesperrtes Wohnviertel. Ein Polizist bewacht den Eingang, er winkt uns aber und bedeutet uns, dass wir über das Grundstück zur Haupttraße gehen dürfen. Anscheinend wohnt hier der Bürgermeister.
Nach unserem 7-stündigen Erkundungsmarsch kommen wir müde ins Hotel zurück. Hunger haben wir keinen und so verspeisen wir einige Kekse als Abendessen.
Mittwoch, 10.11.2010
Die gesamte Gruppe verlässt das Hotel um 8.00 Uhr und fährt mit dem Bus nach Izmir. Aufgrund des Gedenkens an den Todestag von Atatürk ist der geplante Busstop im Zentrum nicht wie vorgesehen möglich. Kurzerhand hält der Busfahrer in der Nähe vom Hafen und lässt uns aussteigen. Wir spazieren quer durch die Innenstadt, schauen um und kaufen ein (Feuerwehrauto für 70 TL). Nach 2 Stunden treffen wir uns wieder am Bus und fahren weiter nach Bergama. Dort wartet für die Pauschalurlauber ein Mittagessen in einem Restaurant am Stadtrand. Wir beschaffen uns Wasser am Kiosk und machen einen kleinen Spaziergang.








Mit Taxen geht es hinauf zur Ausgrabungsstätte Pergamon. Früher sind auf dieser Straße die Busse hinaufgefahren, dann wurde aber auf mysteriöse Weise eine Seilbahn gebaut und die Zufahrt über die Straße gesperrt. Doch Taxen können über eine steile Stichstraße im Ort die Blockade umgehen. Die Reiseleiter haben sich darauf verständigt, auf diese Weise die ominöse Seilbahnfahrt zu boykottieren.
Wir erkunden auf eigene Faust diese großartige Ausgrabungsstätte oben auf dem Gipfelplateau eines einzelstehenden Kegelberges (Eintritt 20 TL). Durch diese einmalige Lage konnte damals die gesamte Umgebung kontrolliert werden. Nicht herausbekommen haben wir, wie das Wasser in die Anlage hinauf befördert wurde. Auf der Rückseite des Berges befindet sich schließlich ein großer See. Wir machen Brotzeit im antiken Theater. Die Gruppe bekommt eine Führung durch Hüseyin.












Der Bus bringt uns weiter nach Norden zum Halinc Park Hotel in Ayvalik.
Donnerstag, 11.11.2010
Wieder erwartet uns ein freier Tag. Die Gruppe fährt nach Troja. Dieser Ausflug erscheint uns überflüssig. Unser Reiseführer bemerkt dazu, dass die Türken über die Begeisterung der Deutschen für Troja lächeln, denn es ergibt erheblich interessantere Ausgrabungsstätten zu besuchen.
Nach dem üblichen Frühstücksbüffet spazieren wir vom Hotel, das außerhalb von Ayvalik auf einer Insel liegt, über den Damm und laufen entlang der Küste zur Stadt. Bald begegnen wir Frauen, die sehr festlich und farbenfroh gekleidet, einem bestimmten Punkt zustreben. Wir folgen ihnen und kommen auf diese Weise zum Markt. In den engen und verwinkelten Gassen mit vielen alten Häusern sind Stand an Stand aufgebaut und die Menschen schieben sich dazwischen hindurch. Niemand hat was dagegen, dass wir fotografieren, im Gegenteil sind eine junge Mädchen sehr erfreut und stellen sich zum Fotografieren in Pose.




















An der Uferpromenade essen wir in einem Locanta Köfte (Fleischpflanzerl) und Sardinen für 15 Lira.
Zurück zum Hotel geht es wieder zu Fuß. Dabei kaufen wir noch Vesper ein, die wir am Balkon verzehren.
Freitag, 12.11.2010
Ein langer Fahrtag nach Süden und ein Besuch in der Teppichfabrik stehen heute auf dem Programm. Passenderweise regnet es eh heftig. Der Besuch in der Teppichfabrik bei Bergamo gestaltet sich als regelrechte Show. Einer der Geschäftsführer erläutert die Teppichherstellung, einschließlich der Seidengewinnung und gibt Informationen über Kosten, Gehälter usw. Danach stürzen sich die Verkäufer auf die interessierte Käuferschar aus Deutschland. Wer Interesse zeigt, wird von einem halben DutzendVertriebsgenies abwechselnd bearbeitet.
Schließlich entkommen wir – ein armenischer Teppich hat es uns aufgrund seiner Farben angetan – aber eine Entscheidung über 4.000 Euro innerhalb weniger Minuten möchten wir nicht treffen. Im bereits bekannten Restaurant gibt es Mittagessen für die Gruppe, für uns ist es eine Brotzeit im Bus.


Weiter geht es zum Hotel Grand Belish in Kusadasi. Auf Nachfrage und eigene Kostenbeteiligung (25 TL pro Person) können wir uns ebenfalls an dem reichhaltigen und schmackhaften Büffet laben.
Samstag, 13.11.2010
Mit dem Besuch von Ephesus steht heute ein Höhepunkt auf dem Programm. Der Bus fährt über die landschaftlich interessante Strecke über die Berge und nicht über die Schnellstraße nachr Selcuk. Wir kommen an einem Eisenbahnmuseum in Calmik vorbei, das nach Aussage unseres Führers das größte seiner Art in Europa ist. Danach fahren wir an einem Äquadukt vorbei, bevor wir Ephesus erreichen.
Die Zeit in Ephesus ist eigentlich viel zu kurz. Die verschiedenen Gebäude, Tempel, Prachtstraßen, Celsus-Bibliothek, das Theater und eine christliche Kirche erinnern uns an Petra in Jordanien. Wir sind froh, dass sich die Touristengruppen in Grenzen halten, so können wir die Atmosphäre dieser antiken Hochstätte besser aufnehmen.












Nach einem Mittagessen wirds einkaufsmäßig. Zuerst geht es zur Schmuckfabrik Galata. Das Unternehmen beschäftigt 1.400 Angestellte insgesamt und hat ca. 100 Filialen. Wieder zeigt sich das Verkaufstalent der Türken. Dieses Mal wird das IKEA-Prinzip mit dem Weg durch die Verkaufsräume angewendet – zuerst der teuerste Schmuck, dann wird es zunehmend billiger und für diejenigen, die sich überhaupt nicht überreden lassen, wartet ein Touristenshop und eine Cafeteria mit einer kessen Türkin, die über berlinerische Schnauze verfügt.
Das Einkaufen geht weiter in einer Lederfabrik. Hier wird teilweise kräftig eingekauft. Mancher Teilnehmer spricht zwar von einer Kaffeefahrt, aber erstens waren die 3 Einkaufsausflüge im Programm angekündigt und zweitens sind einige durchaus interessiert, Schmuck und Lederwaren zu erstehen.


Im Hotel wartet wieder ein Büffet. Wir machen noch einen Strandspaziergang und treffen auf einen deutschsprechenden Restaurantbesitzer, dem wir versprechen, morgen bei ihm zu essen.
Sonntag, 14.11.2010
Die Nacht über haben uns die Mücken wach gehalten. Bei mir waren sie sehr erfolgreich – überall bin ich zerstochen.
Nach dem gestrigen Einkaufstag steht nochmals ein Ausflug für die Pauschalreisenden auf dem Programm: das Bergdorf Sirince. Wir nutzen den Tag, um entlang des Strandes bis zum Dilek-Yarumadasi-Nationalpark zu wandern. Der ganze Strand, ca. 10 km, wird von Ferienhäusern besiedelt. Es sind Geisterstädte, denn außerhalb der 3-4 Monate in der Ferienzeit sind praktisch alle Häuser unbewohnt. Außerdem stehen alleine in dieser Region 18.000 Stadthäuser zum Verkauf.








Am Eingang des Nationalparks kehren wir um. Bei dem Türken essen wir noch Salat und trinken Tee und fragen den Restaurantbesitzer aus. Nach einer Pause im Hotel kehren wir wieder dorthin zurück, um wie versprochen, Fisch und Köfte zu essen.
Montag, 15.11.2010
Ich mache vor dem Frühstück einen Morgenlauf am Strand. Es ist bereits ziemlich schwül. Nach der Stärkung nutzen wir noch die Zeit für einen Strandspaziergang, auch die Gruppe vertreibt sich die Zeit am Strand. Um 1/2 12 Uhr ist Aufbruch nach Izmir, um das Flugzeug um 15.00 Uhr zu erreichen. Planmäßig erreichen wir München um 16.45 Uhr.
Fazit:
- Wer auf preiswerte Weise, ein Stück Türkei, in diesem Fall die Westtürkei, kennenlernen will, sollte nicht zögern, dieses Angebot zu nutzen
- RSD ist natürlich interessiert, das Zusatzpaket über 199,00 EUR zu verkaufen. Dieses wird von mindestens 95 % auch genutzt. Prinzipiell besteht die Möglichkeit, nur das Grundpaket zu buchen und dadurch aus einer Gruppenreise eine “halbe” Individualreise zu machen. Man sollte dann aber immer mit etwas zum Essen und zum Trinken vorsorgen, da die fest gebuchten Lokale nicht auf Gäste eingestellt sind, die nicht pauschal gebucht haben
- RSD gibt sich viel Mühe. Unser Führer hat uns eine Menge über die Türkei erzählt und sich dabei auch kritisch geäußert
- Für eine Bildungsreise sind die Verkaufsaktionen unserer Meinung nach etwas übertrieben, wenngleich informativ. Ein Verkaufsbesuch weniger, und stattdessen ein Besuch im Eisenbahnmuseum oder ein längerer Aufenthalt in Izmir oder Selcuk hätte uns besser gefallen. Aber die Interessen sind natürlich nie gleich und bei diesem Preis-Leistungsverhältnis ist das Interesse am Verkauf türkischer Produkte verständlich
Wissenswertes über die Türkei:
- 2 1/2 mal so groß wie Deutschland
- 41 Mio. Einwohner, 20 Mio. in Istanbul, 4 Mio. in Izmir (drittgrößte Stadt), 60 % leben in Städten
- Mittlerweile 2 Mio. Türken aus Deutschland zurück in der Türkei, größtenteils gut ausgebildet und hervorragende Sprachkenntnisse. Machen sich lustig über Deutschtürken, die ungebildet sind, nicht angepasst und schlechtes Deutsch sprechen
- Mindestlohn, Kranken- und Rentenversicherung, 24 Tage Urlaub, 4 Monate Schwangerschaftsurlaub
- 8 Jahre Schulpflicht ab 7. Lebensjahr, diskutieren 13-jährige Schulpflicht
- Rentenalter z.T. auf 45 Jahre gesenkt, mittlerweile wird systematisch angehoben
- Musiklehrerin mit 11 Jahren Erfahrung verdient 750 Euro/Monat, Teppichknüpferin ab 350 Euro
- unabhängig von Einfuhren, haben selbst Rohstoffe, Chemie, Industrie
- versuchen Verdienstmöglichkeiten vor Ort zu schaffen, um Landflucht zu verhindern
- Familie ist versichert über 1 Erwerbstätigen
- Preise sind momentan etwa 50 % derer in Deutschland oder sogar weniger
- geringeres Lebensalter als in Deutschland
- die Türken in der Westtürkei erscheinen uns als moderne, aufgeschlossene, gastfreundliche Menschen mit einem gesunden Selbstvertrauen. Die Vorschriften des Islam werden offensichtlich großzügig gehandhabt. Wir haben keinen einzigen Menschen gesehen, der auf den Ruf des Imam reagiert hat. Die Mädchen tragen weniger Kopftuch als beispielsweise in Berlin
Empfehlenswerte Literatur:
ADAC Reiseführer Türkei Westküste